Anfang     Texte     Bücher     Referenzen     Medien     Kontakt    Impressum  

Online-Quelle: mobileread.com

Die geheimnisvolle Stadt

In uralter Zeit, lange vor der Regentschaft Königin Libuschas, die um das Jahr 700 Prag gegründet haben soll, sind sieben Mönche aus dem Innersten Asiens, dem Herzen der Welt, gewandert gekommen und haben wie sie auch sonst noch an anderen Orten der Erde zu geheimnisvollem Zweck gepflogen auf einem Felsen auf der linken Seite der Moldau, dort, wo jetzt der Hradschin, die Burg Prags, aufragt, ein Reis gepflanzt so geht die Sage in Böhmen. Es heißt im Volksmund, das Reis sei ein Zwergwacholder gewesen, jener in phantastischen Formen waagrecht hinwachsende Strauch, der aussieht, als fege ein für unsere Sinne nicht fühlbarer Sturmwind beständig darüber hin: das mag wohl auch der Grund sein, weshalb man in vergangenen Zeiten behauptete, dort, wo solche Pflanzen gediehen, bräche in Intervallen der Orkan großer Kriege aus der Erde.

Seltsam ist, daß, wie ich viel später erfuhr, die Sage von den sieben wandernden Mönchen sich auch an die indische Stadt Allahabad knüpft. Allahabad trägt noch einen zweiten Namen: Prag! und heißt wie Praha (die tschechische Benennung für Prag) auf deutsch also: die Schwelle. Ich kenne keine Stadt, die wie Prag, wenn man in ihr wohnt und mit ihr geistig verwittert ist, einen so oft und in so merkwürdig zauberhafter Art lockt, die Orte ihrer Vergangenheit aufzusuchen. Es ist, als riefen die Toten uns Lebende bis an die Stellen, wo sie einst ihr Dasein verbracht, um uns zuzuraunen, daß Prag nicht umsonst den Namen »die Schwelle« führt daß es in Wirklichkeit eine Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits ist, eine Schwelle, viel schmäler als an anderen Orten. Dann geht man hin wie unter einem Zwang, man sieht und hört nichts, was man nicht schon wüßte, aber ein Gefühl, das man nie mehr vergessen kann, bis ins späte Alter, trägt man heim ein eigentümliches Empfinden, irgendwie über eine Schwelle getreten zu sein.

Eines Tages es mag ungefähr vierzig Jahre her sein packte mich wieder, wie so oft schon, unvermittelt die gewisse unsichtbare Hand und zerrte mich unwiderstehlich fort von einer Partie Schach in einem Kaffeehaus, hinüber über die Moldau auf das alte Kleinseitsviertel, als harre meiner dort ein ungewöhnliches Erlebnis. Ich wußte genau, daß nichts dergleichen sich begeben würde; dennoch konnte ich das Ende der Partie kaum erwarten. Zuerst zogen wie Schemen einer Gegenwart, die keine war, so wenig paßten sie in den Hauch der immer unheimlichen Stadt, Bilder des täglichen Lebens an meinem Auge vorbei, dann alte wundervolle Paläste mit prunkhaft geschnitzten Holztoren, darauf bisweilen in Kreide geschrieben steht, daß Melniker Rotwein aus den fürstlichen Gütern beim Hausmeister billig zu haben sei: ausgedehnte Gärten hinter bröckelnden Mauern, die hie und da durchbrochen sind von vergoldeten Gittern. Dann in der Ferne inmitten eines verwilderten Parkes die Daliborka, der uralte Hungerturm. Ich weiß nicht, wer mich hineinführt ich glaube, ein alter Mann mit einem Stelzbein. In eintönigem Singsang erzählt er mir, was ich so oft schon gehört habe: »Hier in diesem zwei Meter breiten lichtlosen Raum hat einst der Ritter Dalibor als ein Gefangener gelebt, bis er geköpft wurde. Mit einem eisernen krummen Nagel hat er im Laufe der langen Zeit eine tiefe Höhlung in die viele Ellen dicke Mauer gekratzt, um zu entfliehen. Es fehlte nur noch ein Fuß breit, da hat man es entdeckt und ihn zum Schafott gebracht. Und hier« der Alte führt mich in einen kreisrunden Raum, in dessen Mitte ein Loch den Lichtschein der vergitterten Laterne frißt, wie ein Rachen der Erde »hier oben, gnädiger Herr, waren die Gefangenen eingesperrt, die man zum langsamen Hungertod verurteilt hatte. Die letzte, sagt man, war die Gräfin Zahradka. Sie wurdeschuldig befunden, ihren Sohn vergiftet zu haben. Später wurde ruchbar, sie hätte es getan, weil er einer teuflischen ketzerischen Sekte, genannt die Asiatischen Brüder, angehört habe. Daraufhin wurde für ihre arme Seele eine Messe drüben im Dom gelesen und die Daliborka für alle Zeiten geschlossen.«

Ich hörte kaum hin, was der Führer da spricht; nur der Name »Asiatische Brüder« hallt mir im Ohr wider. »Die Gegenwart ist ewig und birgt alle Antwort unversehrt in ihrem Schoß, wer Fragen stellt nach der Vergangenheit und auch nach der Zukunft, der kann sie lösen jederzeit aus den Geschehnissen der Gegenwart, so er nur die Fragen richtig stellt und sie hinüberzurufen versteht über die Schwelle des Lebens« so erinnere ich mich plötzlich, einmal in einem alten kabbalistischen Buch gelesen zu haben. Und ich beuge mich unwillkürlich vor über das Loch zu meinen Füßen, von dem Gefühl ergriffen, dort unten wisse der Moder der toten Gräfin eine Antwort auf meine halbe Frage; aber ich höre nur die eintönige Stimme des Führers hinter mir. Ich will den Alten fragen, ob er nichts Näheres wisse über die Asiatischen Brüder, die er erwähnt hat. Er blickt mir ängstlich auf die Lippen, und ich sehe, was ich bis dahin nicht bemerkt: daß er stocktaub ist und mich nicht verstehen kann. Ich wandere zurück in die Neustadt, und an der Tür meiner Wohnung empfängt mich meine Dienerin mit der Nachricht, ein fremder Herr warte auf mich seit ein paar Minuten drin im Zimmer in einer wichtigen Angelegenheit. Es ist ein Mann, schäbig gekleidet, ungefähr fünfzig Jahre alt, mit dem unsicheren, scheuen Blick eines Geisteskranken. Er springt auf, als ich eintrete, und hält mir zur Entschuldigung seiner Anwesenheit eine schmutzte Visitenkarte hin und stellt sich gleichzeitig vor. Ich glaube mich verhört zu haben, er murmelt: »Zahradka« und einen unverständlichen Vornamen dazu. Merkwürdig, wie tief sich dieser Name aus der Daliborka in meine Sinne eingefressen hat! sage ich mir, und werfe zur Prüfung einen Blick auf die Karte: richtig, da steht »Zahradka« und darunter: »Reisender der Wäschefabrik Weißwasser in Böhmen!« Der Mann ergießt einen konfusen Wortschwall über mich. Ich erwarte, er werde mir Waren zum Kauf anbieten. Nichts dergleichen geschieht. Er scheint den Zweck seines Hierseins vollkommen vergessen zu haben. Statt dessen erzählt er mir ein langes und breites: daß er in früheren Jahren einmal in »Kattun in Indien« gereist sei, dort zufällig und aus geschäftlichen Gründen einem Orden beigetreten sei, der Sat Bhai heiße, uralten Ursprungs, in grauer Vorzeit in unbekannter Absicht auf Wanderung von je sieben seiner Logenbrüder allerorten im Westen Niederlassungen gegründet habe, die stets den Namen »Die Schwelle« erhalten hätten. Ich fragte, ob es heutzutage irgendwo Mitglieder dieses Ordens gäbe. Herr Zahradka bejaht und gibt mir stockend und in seiner Erinnerung grübelnd einige Adressen in England und in Orissa in Indien an. Ob der Orden gewisse Absichten verfolge, frage ich. Er zuckte die Achseln: man sagt, wer beitritt, träte damit »über die Schwelle«; was damit gemeint sei, wisse er selber nicht oder habe es vergessen. Er streicht sich über die Stirn, lächelt verlegen und murmelt: »Sie müssen entschuldigen, mein Gedächtnis hat drüben sehr gelitten.«

Dann schwätzt er noch eine Weile verworrenes Zeug, steht plötzlich, auf die Uhr sehend, auf und eilt hinaus. Mir Wäsche oder dergleichen zum Kauf anzubieten, unterließ er. Wäre ich ihm später nicht noch oft auf der Straße begegnet, wer weiß, vielleicht hätte sich in mir die Vermutung festgesetzt, alles das nur geträumt zu haben. Als ich mich über ihn erkundigte, hieß es, er sei nicht richtig im Kopf, ein Säufer und bilde sich ein, ein Nachkomme der legendenhaften Gräfin Zahradka zu sein, die in der Daliborka zum Hungertod verurteilt wurde.

Als ich dann an die Adressen in England und Orissa schrieb, erfuhr ich, daß die Angaben des verrückten Wäschereisenden auf Wahrheit beruhten. Es gibt heute noch einen Orden dort, der denNamen Sat Bhai und Sikka führt; auch in Prag soll noch im Jahre 1760 eine Loge existiert haben, deren letzter Großmeister ein Graf Spork war. Das Logengebäude stand in Prag dort, wo jetzt die Hauptpost steht. Mitglieder waren auch Cola Rienzi und Petrarka. Auch ein Graf Zahradka ist in den alten Annalen verzeichnet. Als ich eines Tages durch die sogenannte Opatowitzer Gasse ging, sah ich über dem Portal eines ehrwürdigen Primatorenhauses in Stein gehauen das Wappen der Sat Bhais der Asiatischen Brüder seltsamerweise war eine Papstkrone darüber angebracht. Ob jemals zutage kommen wird, was es damit für eine Bewandtnis hat?