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Meine merkwürdigste Vision

Eine überaus merkwürdige Vision hatte ich eines Tages im Herbst 1915.

Es knüpft sich ein Begebnis daran, das, wenn es doch nicht einem der sonderbarsten Zustände, die wohl je geschehen sind, zur Last zu legen ist, Perspektiven unerhörtester Art aufreißt -: Ich grübelte gerade darüber nach, was wohl die innere Ursache des scheußlichen Weltkrieges gewesen sein mochte, da fühlte ich das erfrischende Überwachsein kommen, das sich immer bei mir von selbst meldet, wenn ich etwas Außergewöhnliches erleben soll. Gleich darauf sah ich die Erscheinung eines Mannes einer mir unbekannten Rasse. Er war sehr groß und schmal. In der Novelle "Das Grillenspiel", das ich sodann im "Simplicissimus" und in meinem Novellenband "Fledermäuse" veröffentlichte, habe ich ihn folgendermaßen geschildert:

"Sechs Fuß hoch, auffallend schmal im Wuchs, bartlos, das Gesicht olivgrün schillernd, die Augen schräg und unnatürlich weit auseinander. Die Lippen gleich der Gesichtshaut faltenlos wie aus Porzellan, messerscharf, grell rot und stark geschwungen, besonders an den Mundwinkeln, wie unter einem erbarmungslosen erstarrten Lächeln, daß sie aussahen wie aufgemalt. Auf dem Kopf eine sonderbare rote Mütze." Ich hatte mich vor der Erscheinung innerlich gefragt, was wohl die tiefere Ursache des Krieges gewesen sein möchte: die Vision schien mir eine symbolische Antwort zu sein. Die asiatischen Okkultisten nehmen nämlich an, es gäbe eine tibetanisch-chinesische Sekte - Dugpas genannt -, die als direktes Werkzeug der zerstörenden "teuflischen" Kräfte im Weltall anzusehen sei. - Ich setzte mich also hin und verfaßte die Novelle "Das Grillenspiel", in der ich die "okkulte" Ursache des Krieges schilderte. Die szenischen Nebenumstände baute ich ebenfalls auf Visionen auf, die der des Mannes alsbald folgten. Den Rahmen zu der Geschichte konstruierte ich mir aus freier Phantasie. -

Die Novelle erschien im .Simplicissimus', und einige Wochen vergingen, da erhielt ich von einem mir unbekannten Maler aus Breslau - ich glaube, er hieß Höcker - einen Brief. Der Herr schrieb darin etwa folgendes:

"Ich muß vorausschicken, daß ich ein kerngesunder Mensch bin und niemals an Halluzinationen oder anderen Zuständen litt. Ich saß gestern an einem Tisch in meinem Atelier und arbeitete. Plötzlich hörte ich ein singendes metallisches Geräusch. Ich drehte mich um und sah einen hochgewachsenen Menschen einer mir fremden Rasse, eine rote sonderbare Mütze auf dem Kopf im Räume stehen. Ich begriff sofort, daß es sich nur um eine Bewußtseinsstörung meinerseits handeln müßte. Der Mann hielt eine Art Stimmgabel in der Hand, bestehend aus zwei Schenkeln, mit der er das Geräusch hervorbrachte. In der Mitte der Stimmgabel war ein Klöppel. Gleich darauf kamen ungeheure Mengen großer weißer Insekten aus dem Boden, die sich gegenseitig zerfleischten mit ihren schwirrenden Flügeln, den Lärm bis zur Unerträglichkeit steigernd. Noch jetzt höre ich dieses nervenerschüttemde Geräusch in den Ohren. Als die Halluzination aufgehört hatte, nahm ich sofort einen Rötelstift und zeichnete das gesehene Bild. Sodann ging ich an die frische Luft. Ich kam an einem Zeitungskiosk vorbei und verlangte aus einem Impuls heraus, den ich mir nicht erklären kann, denn ich liebe das Blatt nicht, den .Simplicissimus'. Als ihn mir die Verkäuferin reichte, sagte ich aus ebenso unbegreiflichem Entschluß: ,Nicht diese Nummer, bitte, die vorhergehende!' Zu Hause angekommen, blätterte ich darin und las zu meinem maßlosen Entsetzen in Ihrer Novelle ,Das Grillenspiel' fast haargenau dasselbe, was ich vor einer Stunde selber erlebt hatte: den Mann mit der roten Mütze, die sich zerfleischenden Insekten usw. Bitte, geben Sie mir eine Erklärung, wie ich mir die Sache deuten soll. Gez. Höcker." --

Ich las den Brief wiederholt durch, dann legte ich ihn weg, ärgerte mich. Natürlich hat der Mann den "Simplicissimus" vorher gelesen und will mir nun weismachen, er hätte in einer Vision alles vorahnend geschaut. Um zu vergleichen, nahm ich jedoch das "Simplicissimus"-Heft zur Hand und las die Parallelstelle. Ich erschrak heftig als ich dort las: "Der Dugpa (nämlich der Mann mit der roten Mütze) hielt ein Glasprisma (!) (also keine Stimmgabel!!) gegen die Sonne usw." - Ich griff mir an den Kopf, sagte mir: Ich habe doch selbst, ehe ich die Novelle schrieb, in einer Vision einige Male gesehen, daß der Dugpa eine Stimmgabel genau, wie es in dem Briefe Höckers steht, in der Hand hielt! Wie kommt hier im "Simplicissimus" ein Prisma zum Vorschein? Gleich darauf erinnerte ich mich, daß ich das erste Manuskript durchgefeilt hatte und noch einmal sauber abschrieb, ehe ich es an die Redaktion schickte, wie das meine Gewohnheit ist. Bei der Gelegenheit hatte ich an Stelle der Stimmgabel das Prisma gesetzt. Aufgeregt kramte ich in meiner Schublade, bis ich endlich das erste Rohmanuskript fand.

Richtig: dort stand Stimmgabel! (Niemand außer mir hatte dieses Rohmanuskript je zu Gesicht bekommen: auch hätte es niemand entziffern können, denn es war in Abkürzungen geschrieben und nur für mich lesbar!) - - Ich konnte nun nicht länger mehr zweifeln, daß der gewisse Höcker, wenn auch Wochen später als ich, dieselbe Vision gehabt hatte wie ich, es sei denn, ein geradezu unerhörter Zufall hätte seine Hand im Spiel gehabt. Eine solche Erklärung wäre auch wohl das Krampfhafteste, was man sich konstruieren könnte! - - Wie den Vorgang erklären? Ich tappe hier im Dunkeln. Fernwirkung nach Wochen? Von mir ausgehend? Unsinn! - Ich weiß: gewisse Okkultisten würden sagen, ich hätte infolge Verfassens der erwähnten Novelle ein Bild in die "Akashachronik" - das Gehirn des Weltalls -eingegraben, das dann für Herrn Höcker plötzlich sichtbar wurde. Eine solche Deutung hat große Lücken. Sie begründet nicht, warum Herr Höcker quasi gegen seinen Willen das betreffende Simplicissimusheft kaufte. Spiritisten würden sagen: Geister hätten ihn beeinflußt.